Alligatoah – Einsicht mit vielen Gesichtern

Alligatoah ist in vielen Dingen ein Mysterium. Obwohl man ihn Rapper nennt, singt er regelmäßig. Obwohl man ihm diverser Dinge Verherrlichung nachsagt, entsagt er eben jenen. Obwohl er irgendwo herzukommen scheint, ist er keiner regionalen Szene entsprungen! Der Künstler lässt seine Kunst sprechen. Dabei wandelt er zwischen den Genres und scheut sich nicht anzuecken: für die Rap-Szene ist er oft zu melodiös, für den Popmainstream haben seine Songs zu viel Text.
Was man von ihm weiß ist nebulös: aufgewachsen in dörflichen Gefilden, als Sohn eines Theater-Schauspielers und einer Tänzerin, entdeckt der junge Lukas Strobel seine kreative Ader in der Natur: „Ich bin als Kind zwischen Bauernhöfen herumgetollt und durch den Wald gerannt und das war super. Einen Fernseher brauchte es nicht, um Weitsicht zu entwickeln!
Das Fenster zur Welt öffnete sich virtuell mit dem ersten Computer und einem Internetanschluss. Mit deutschem Rap entdeckte er ein sprachgewaltiges Medium, dass er schon bald um seine ganz eigene Nische bereichern sollte. Im Gegensatz zum verschlafenen Dorf, bot ihm das Netz die erste Bühne für seine actiongeladenen, überzeichneten und satirischen Geschichten, die er im norddeutschen Jugendzimmer zu produzieren begann. Leichte Melodien treffen schwere Themen, brutale Sprachbilder verpackt in spielerischen Wortwitz, süffisantes Mona-Lisa-Lächeln, als wäre es von Jack Nicholson interpretiert.
Als 2013 das Album „Triebwerke“ erschien und der Künstler langsam vom Geheimtipp zum Gesprächsthema der Rapmedien wurde, reagierte Alligatoah. Allen Erwartungen zum Trotz veröffentlichte er mit „Willst Du“ zwar einen veritablen Hit, der aber den Mainstream überforderte: Während sich vorsichtige Medienvertreter noch fragten, wie sie den Song zu verstehen hätten, heimste selbiger einen Erfolg nach dem anderen ein. Hatten die Medien die Rezipienten unterschätzt, tat der Künstler eben dies nie!

Alligatoah indes veränderte der Erfolg nicht. Er nutzte die neuen Möglichkeiten, um seine Live-Präsenz zu professionalisieren. Die Live-Shows folgen Alligatoahs kompromissloser Art der Produktion: Er entwickelt Alles alleine, hat eine genaue Vision der Kunst und der Wirkungen, die er erzielen will.

Mit dem Album „Musik ist keine Lösung“ ging Lukas Strobel diesen Schritt weiter. Beschäftigte sich „Triebwerke“ mit den Auswüchsen und Spielarten der Liebe, widmete sich der Künstler auf seinem letzten Studioalbum dem Menschen an sich und dessen Gabe zur Zerstörung. Im Titeltrack geht er dabei mit sich selber hart ins Gericht.

Alligatoah steht 2017 für eine beispiellose Einzigartigkeit und tritt weiterhin den Beweis an, dass populäre Musik nicht weichgespült und angepasst sein muss, sondern experimentell, hart und detailverliebt sein kann. Es ist für jeden etwas dabei, der keine Angst vor Worten hat. Wer bereit ist, dem ersten positiven Zyniker unter den Protestsängern bei seinen akustischen Drehbüchern über die Absurditäten des Weltgeschehens zuzuhören, wird auf seine Kosten kommen. Alligatoah ist durch seine Kunst ein nicht immer stiller Beobachter der Welt, der in diversen Zwischentönen Hauptsätze spricht und Perspektiven energetisch vermittelt, von denen er offen hält, wer diese jetzt eigentlich einnimmt.

 

www.alligatoah.de/